Hansestadt Buxtehude

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Sachverhalt:

Anlage

 

Antwort auf die Anfrage der AFD (2021/206) vom 22.06.2021 zur Verwaltungsvorlage 2021/194

 

1. Welche Hinweise sind es, die Frau Vetterli als „Mitinhaberin eines Zeitungsver-

lages (der) NSDAP-affin war ausweisen? Um welchen Zeitungsverlag handelte

es sich? Womit und wodurch hat dieser Verlag „entsprechende Aktivitäten un-

terstützt? In welchen Parteien war Frau Vetterli Mitglied?

 

Dolly Vetterli, (* 11.04.1869 in Stade, + 4.01.1958 in Buxtehude) geborene Adolphine Ernestine Charlotte Bussenius, heiratete nach dem Tod des Buchdruckereibesitzers und Verlegers des Buxtehuder Tageblatts Rudolph Vetterli 1919 den Amtsrichter Hermann Schlikker. Als Vertreterin der Deutsch-Hannoverschen Partei war sie gemeinsam mit Franziska von Oldershausen nach der Wahl am 2. März 1919 eine der ersten Bürgervorsteherinnen in Buxtehude.[1] 1933 hat sie sich gemeinsam mit den Bürgerlichen in Buxtehude gegen die Politik der Buxtehuder Nationalsozialisten im Zusammenhang mit dem sog. Burgfrieden gestellt und die Korruption vermutlich des Senators a.D. Wilhelm Meyer und des Arztes Wüsthoff anprangert.[2] Aufgrund dieser Vorbildfunktionen wurde sie für eine Straßenbenennung in Betracht gezogen. Von einer Heimatforscherin gingen kürzlich Hinweise zu ihrer Funktion als Mitinhaberin des Buxtehuder Tageblatts in der NS-Zeit ein. So unterstützte das Buxtehuder Tageblatt am 30.03.1933 ausdrücklich den Boykott jüdischer Geschäfte:

 

„Das „Buxtehuder Tageblatt“ begrüßt den Abwehrkampf gegen die Greuel- und Lügenpropaganda und schließt sich der als Vergeltungsmaßnahme eingeleiteten Boykottbewegung der NSDAP rückhaltlos an. Dem Aktionskomitee zur Durchführung des Boykotts stellen sich der Verlag und die Geschäftsleitung des „Buxtehuder Tageblatts“ voll und ganz zur Verfügung.“

 

Aufgrund dieser Anhaltspunkte wird Dolly Vetterli/Schlikker in dem in Kürze beginnenden Projekt zur Erforschung der NS-Zeit in Buxtehude und den eingemeindeten Ortschaften noch einmal eingehender behandelt und in den Gesamtkontext eingeordnet. Hier können insbesondere durch Vergleiche mit anderen Zeitungsübernahmen im Zuge der Gleichschaltung die Schwere der Belastung und die tatsächlich möglichen alternativen Handlungsoptionen von Dolly Vetterli/Schlikker ggf. besser eingeschätzt werden.

 

 

2. Mit einer ähnlichen verbalen Begründung wurde von der Verwaltung die Benennung einer Straße nach der ehemaligen Stadtarchivarin Dr. Margarethe Schindler abgelehnt. Auch hierzu bitten wir um Auskunft und Vorlage der Belege, die eine Straßenbenennung ausschließen.

 

 

 

 

Als einzige Tochter von Olga und Carl Schindler (geb. am 25.12.1925 in Hamburg, gest. am 02.04.2019 in Buxtehude) ging Margarete Schindler von Ostern 1936 bis 26.01.1944 zur Städtischen Oberschule für Jungen in Buxtehude und trat in den Jungmädelbund und später in den Bund Deutscher Mädel ein. Am 20.04.1943 wurde sie mit 17 Jahren und 4 Monaten Mitglied in der NSDAP.[3] Zwischen dem 01.11.1944 und 30.04.1945 nahm sie eine Tätigkeit als Aushilfskraft an der Volksschule Buxtehude in einer zweiten Klasse an. Die Entlassung Ende April 1945 erfolgte wegen der Einstellung von Flüchtlingslehrkräften und Lehramtsanwärtern bzw. der Schließung der Schule. Ihr Entnazifizierungsverfahren wurde am 13.12.1945 aufgrund einer Jugendamnestie für nach dem 01.01.1919 bzw. nach dem 31.12.1912 geborene Personen niedergeschlagen.[4]

 

U.a. aufgrund Ihrer Vorbildfunktion als eine der ersten Frauen in Führungspositionen in Buxtehude wurde sie für eine Straßenbenennung berücksichtigt. Aufgrund von Hinweisen aus der Bevölkerung wurde von Seiten des Stadtarchivs nach Entnazifizierungsverfahren zu Schindler im Niedersächsischen Landesarchiv in Stade angefragt. Da in der wissenschaftlichen Forschung Personen, die aufgrund der Jugendamnestie entnazifiziert wurden und bei denen keine Verbrechen in der NS-Zeit nachweisbar sind, nach ihren Handlungen und Aussagen nach 1945 beurteilt werden, wäre hier vor einer Würdigung mit einem Straßennamen eine wissenschaftliche Studie zur Untersuchung ihres Auftretens, Verhaltens und ihrer Publikationen sowie Vergleich mit anderen Historiker*innenbiografien notwendig.

 

3. Die Verwaltung schlägt eine Straßenbenennung nach Cecila Huge vor, die von 1562 bis 1573 Priorin in Neukloster war. Wie und durch welche Nachweise will die Hansestadt Buxtehude sicherstellen, dass Cecilia Huge den aktuellen moralischen Ansprüchen an Kandidaten für heutige Straßenbenennungen entsprochen hat?

 

Aufgrund der beiden aufgetretenen Fälle mit NS-Kontexten wurde eine Namensgeberin aus dem 16. Jahrhundert ausgewählt. Cäcilia Huge (1502-1573 (?)), auch Cecilia Hughe(n), stammte aus einer Hamburger Ratsfamilie und hat als 22-Jährige um 1524 ein Gebet- und Liederbuch (Lateinisch-niederdeutsches Oster-Orationale) mit rund 800 Seiten und farbigen Miniaturen im Kloster in Bredenbeck (heute Buxtehude-Neukloster) erstellt. Das Buch wird in der Landesbibliothek in Stuttgart verwahrt. Von 1562-1573 war sie darüber hinaus Priorin in Neuklosteraner Kloster.[5] Aus der zugänglichen Literatur gehen keine Hinweise auf moralische Verstöße hervor. Bisher wurden u.a. Straßen nach den Neuklosteraner Nonnen „Margarete Jansen“ und „Susanna Haunschütz benannt.

 

4. Der Rat der Hansestadt Buxtehude hat mehrheitlich entschieden, eine Straße nach dem angeblichen Widerstandskämpfer Rudolf Welskopf zu benennen. In der Bundesrepublik Deutschland sind seit 1949 bisher zwei Parteien vom Bundesverfassungsgericht verboten worden. Eine davon war die KPD, deren Mitglied Welskopf jahrzehntelang war. Weiter hat Welskopf aktiv für die Diktatur

des Ulbricht-Regimes gearbeitet. Auch zu diesem Fall bittet die AfD-Fraktion um eine aktualisierte Bewertung unter Vorlage von Belegen durch die Verwaltung.

 

Rudolph Welskopf (*1902, + 17.01.1979) hat nach seiner Lehre als Zimmermann in Buxtehude und seiner Wanderzeit 1925 eine Anstellung in Buxtehude erhalten. Zunächst Mitglied in der SPD und dem Reichsbanner wurde er 1930 Mitglied der KPD. Nach erster Schutzhaft wegen seiner KPD-Mitgliedschaft von März bis Mai 1933 übernahm er im Anschluss die Leitung der KPD in Buxtehude. Wegen seiner illegalen Tätigkeit wurde er 1934/35 wegen Hochverrats verurteilt. Nach Verbüßung seiner Haftstrafe wurde er 1940 ins KZ Sachsenhausen und 1943 ins Außenlager Lichterfelde überführt. Nach der Fluchthilfe durch seine spätere Frau Liselotte Henrich wurde er nach Kriegsende Beauftragter des Bezirksbürgermeisters in Berlin-Charlottenburg und später Leiter des Amtsbezirks Charlottenburg-Mitte. 1947 siedelte er nach Ostberlin um und errichtete eine Baustoffhandlung. [6] 1950/51 war er im DDR-Ministerium für Schwerindustrie für den Aufbau eines Bergungsbetriebes für Schrott und andere Wertstoffe zuständig und war im Anschluss von 1951 bis 1962 Abteilungsleiter bei der Dt. Reichsbahn.[7]             

 

Als Zeichen gegen den Faschismus wurde 2005 nach umfangreicher politischer Diskussion eine Tafel zum Gedenken an Welskopf und die weiteren Angehörigen seiner Gruppe am Stavenort 5 in Buxtehude angebracht. Zur weiteren Verstetigung des Gedenkens an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus wurde zusätzlich jüngst die Straßenbenennung angestoßen.

 

Die Biografie von Welskopf wurde bereits 1991 durch Lohmann[8] und 1994 durch Müller-Staats bearbeitet und durch die Antwort der Birthler-Behörde (Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU)) vom 07.09.2004 ergänzt, aus der hervorgeht, dass er sich „weder in besonderer Weise für noch gegen die DDR engagiert“ habe.[9]

 

Der Komplex des Widerstandes wird selbstverständlich in dem Projekt zur Aufarbeitung der NS-Zeit behandelt werden. Dazu wird u.a. noch einmal nach weiteren Quellen u.a. im Bundesarchiv, welches seit dem 17.06.2021 auch für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR zuständig ist, recherchiert werden.

 

 


[1] Anping Richter: Als Mutter Flint wählen ging. Zum heutigen Weltfrauentag: Eine Zeitreise zur ersten Kommunalwahl mit Frauenwahlrecht 1919, BT vom 8.3.2019; Eva Drechsler: Zwischen Grieskrise und Torpedo-Boot. Die Novemberrevolution in Buxtehude und Altkloster 1918-1919, in: 140 Jahre Heimat- und Geschichtsverein Buxtehude e.V., hrsg. vom Heimatverein Buxtehude, Buxtehude 2020, S. 159-178.

[2] Zeit Reise. 1200 Jahre Leben in der Hansestadt Buxtehude, hrsg. von Wolfgang Stephan, Björn Vasel, Leonie Rajte, Anping Richter und Andreas Stephainski, Stade 2015, S. 84-85.

[3] Stadtarchiv Buxtehude, Nachlass Schindler Nr. 34, 35; Niedersächsisches Landesarchiv Stade, Rep. 275.2 Nr. 14164.

[4] Niedersächsisches Landesarchiv Stade, Rep. 275.2 Nr. 14164.

[5] Martin Jank: Die Cäcilia von Neukloster und die Musik der Engel, in: Allgemeiner Haushaltungs-Kalender, 1995, Jg. 147, S. 42-47; Sabine Pettke: Eine Gebetbuch-Handschrift aus Neukloster. Das Gebetbuch der Cecilia Hughe aus dem Benediktinerinnenkloster Bredenbek bei Buxtehude – eine Momentaufnahme, in: Eine Buxtehuder Evangelienhandschrift. Die vier Evangelien in einer mittelniederdeutschen Übersetzung des 15. Jahrhunderts aus dem Alten Kloster, Buxtehuder Notizen Nr. 5, hrsg. von der Stadt Buxtehude und der Stadtsparkasse Buxtehude, Buxtehude 1992, S. 91-98.

[6] Hans-Joachim Noack: Ein Leben für die Freiheit. Rudolf Welskopf und der Widerstand gegen die Nazis in Buxtehude, zweite Folge, in: Zeitlupe, 2005, Heft 9, S. 18-19; Dagmar Müller-Staats: Welskopf, August Rudolf, in: Lebensläufe zwischen Elbe und Weser; Bd. 1, Schriftenreihe des Landschaftsverbandes der Ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden; 16, S. 348-351; Dagmar Müller-Staats: Rudolf Welskopf – ein Buxtehuder Widerstandskämpfer, in: Die Arbeiterbewegung. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Schriftquellen, Bilddokumente, Zeitzeugenaussagen, Texte, hrsg. von der Stadt Buxtehude, Stadtarchiv in Zusammenarbeit mit dem Heimatverein Buxtehude e.V., Buxtehude 1994.

[8] Hartmut Lohmann: „Hier war doch alles nicht so schlimm“ Der Landkreis Stade in der Zeit des Nationalsozialismus, hrsg. vom Landkreis Stade, Stade 1991, S. 343-346.

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